Eine Glosse von Volker Hagedorn am 13.5.2012 in der HAZ (Der 7. Tag):

„Man muss alles nehmen, was man kriegen kann“, sagte mir neulich ein Bühnenbildner. Die Zeit des Kulturwunderlands Deutschland ist erst mal vorbei, überall schrumpfen die Etats von Festivals und Theatern. Intendanten schmeißen hin, weil sie die Tariferhöhungen im öffentlichen Dienst aus dem künstlerischen Etat bestreiten sollen. Dadurch verdienen Bühnenarbeiter manchmal mehr als Bühnendarsteller, selbst wenn sie das selber sonderbar finden. Häuser stehen vor der Schließung, Orchester zur Disposition. Gleichzeitig erfährt man, dass es Deutschland wirtschaftlich ganz prima geht, ja schöner noch: Weltweit entdecken Manager die Kultur als Motor! 

Aber nicht etwa so, dass auf einmal Hunderte von Firmen die Kulturhäuser unterstützten. Nein, sie lassen ihren Nachwuchs kreativ fitmachen von Regisseuren, Musikern, Filmemachern. „Kunst bringt sie zum Nachdenken und inspiriert sie, die Dinge einmal anders zu sehen“, entnehme ich einer Geschichte zum Thema. Gesagt hat das die Dekanin eines „International Executive Development Center“, wo die Teilnehmer eines „Executive-MBA-Programms“ mit Hilfe eines Dirigenten sogar das Chordirigieren im Crashkurs lernen. MBA heißt „Master of Business Administration“. Wer so ein Zertifikat anstrebt, kann sich offenbar in jeder kreativen Disziplin unterweisen lassen. 

In Madrid lernen sie, was sich mit Papier und Schrott so alles anstellen lässt, in British Columbia spielen junge Manager Theater. Studenten der Otto Beisheim School of Management im rheinland-pfälzischen Vallendar fliegen nach New York, um sich das Metropolitan Museum und das Jazzen in der Bronx erklären zu lassen - es wäre ja auch zu billig, einfach nach Köln zu fahren, wo wegen eines relativ überschaubaren Fehlbetrags gerade ein beliebtes Opernhaus gegen die Wand gefahren wird. 

In der Geschäftswelt wird erkannt, wie kreativ und findig einen der Umgang rnit den Künsten machen kann. Hauptsache, sie zeigen, „wie man die Zukunft antizipiert und daraus ein Geschäftsmodell machen kann.“ Zu lesen, dass das „rein analytische Denken in der Betriebswirtschaft nicht mehr genügt“, hat mich allerdings gewundert. Waren die erfolgreichsten Geschäftsleute nicht schon immer kreativ und besessen von Ideen, die keiner Marktanalyse entwuchsen? Von Dampflok bis PC, von Konservendose bis Jeans? Na egal, jetzt haben es alle kapiert. Außer, dass nicht nur MBAs von Kunst inspiriert werden können, „die Dinge einmal anders zu sehen“, wie es die IEDC-Dekanin so schön sagt. Sondern alle. Millionen Menschen, die sich Exklusivkultur nicht leisten können. 

Aber aufgeschlossen, wie die Manager nun einmal sind, werden sie sogar noch kapieren, dass die Kunst irgendwo herkommen und eine Basis haben muss. Die arbeitslosen Regisseure, die ihnen jetzt antiautoritäre Führungstricks beibringen, haben das an Theatern gelernt, die eben nicht zum Kohlemachen da sind.