Ein bescheidenes Museumsmanifest

von Orhan Pamuk (SZ am 28./29. April 2012)

Ich mag Museen und kann ihnen, wie viele Menschen, von Tag zu Tag noch mehr abgewinnen. Da ich Museen sehr ernst nehme, kommen manchmawütende, ungestüme Gedanken in mir aufDoch möchte icbeiReden über Museen keinen zornigen Ton anschlagenZur Zeit meiner Kindheit gab es noch sehr wenigMuseein Istanbulmeist historische Bauten unter Denkmalschutoder wie Behörden anmutendEinrichtungen, wie man siin außerwestlichen Ländern eher seltefindet. 

Erst alich später die kleinenunscheinbaren Museen entdecktedie sich in den Nebenstraßen europäischer Städtverbergen, bemerkte ichdass Museen (genauso wie Romane) die Geschichtvon Individuen erzählen können. Unleugbar stellen Orte wie der Louvre, das Metropolitan Museum, der Topkapi-Palastdas British Museumder Prado oder diVatikanischen Museen den ganzen Reichtum der Menschheitsgeschichtaus, aber dennocmöchte ich diese gewaltigen AnufungevoSchätzen nicht zum Vorbild für die Zukunft der Museen nehmen. Museen sollen die neue, moderne Menschenwelt erforschen und darstellenwie sisich insbesondere in rasch aufstrebenden außerwestlichen Ländern entwickelt. Jedoch zielen staatlich unterstützte Museen darauf ab, den Staat darzustellen, und nicht den einzelnen Menschen. Das ist weder ein gutes noch ein harmloses Ziel

Hier meine Gedanken dazu: 


Museen wie der Louvre oder die .Eremitage sind aus kaiserlichen oder königlichen Palästen entstanden
die dem Volk zugänglich gemacht wurden und sich danach zu Touristenattraktionen und nationalen Symbolen entwickelt haben. In ihnen wird die Geschichte eines ganzen Volkes weit über die Geschichte des einzelnen gestellt. Dabei ist der einzelne zur Darstellung wahren Menschentums viel besser geeignet.

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Zwischen dem Übe
rgang von Paläs• ten zu nationalen Museen und der Entwicklung vom Epos zum Roman besteht eine deutliche ParalleleDoch entsprechen zwar die alten Königsepen den Palästen, in denen ihre Helden lebten, aber staatliche Museen sind so gar nicht wie Romane. 

All der Museen, die die Geschichte .eines Volkes, einer Gemeinschaft, einer Gruppe, eines Staateseines Geschlechtes, eines Unternehmens zeigensind wir überdrüssig. Wir wissen, dass die Geschichten einzelner Menschen ungleich reichhaltiger, menschlicher und fröhlicher sind als die Historie sämtlicher großer Gemeinschaften


Es geht nicht darum, zu zeigen, wie reich die Geschichte und die Kultur Chinas, Indiens, Mexikos, des Irans oder der Türkei sind. Natürlich muss auch das geschehen, aber das ist nicht weiter schwer. Viel anspruchsvoller ist es, in Museen auf ähnlich gehaltvolle, kraftvolle und intensive Weise die Geschichte einzelner Menschen abzubildendie heute in diesen Ländern leben. 

 

Meiner Ansicht nach soll ein Museum nicht daran gemessen werden, wie gut es einen Staat, ein Volk, ein Unternehmen, eine Geschichtsepoche etcdarstelltsondern vielmehr daran, ob es in seiner Herangehensweise einzelnen Schicksalen gerecht wird oder nicht. 


Museen sollten kleiner, individueller und billiger sein, denn nur so 
können sie die Geschichte einzelner Menschen zum Ausdruck bringen. Wenn wir durch ein Rieseneingangstor ein großes Museum betretenverlieren wir das Gefühl für unsere menschliche Dimension und fühlen uns aufgerufengroßer Massen zu gedenken. Daher die Schwellenangst, die außerhalb der westlichen Welt Millionen von Menschen vor einem Museumsbesuch zurücksehrecken lässt.  

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In heutigen und zukünftigen Museen soll nicht der Staat hervorgehoben werden
sondern der Mensch, der schließlich seit Jahrhunderten unter unerbittlichem Druck lebt. 


Alle Subventionen, die großen, symbolträchtigen Museumsstätten zufließen, sollen stattdessen an kleine Museen gehen, in denen die Geschichten einzelner Menschen erzählt werden. Mit solchen Ressourcen sollen auch Privatpersonen gefördert und dazu angeregt werden, ihr Heim und ihre Geschichte zu 
"musealisieren"

Wenn Gegenstände nicht aus ihrem .natürlichen Umfeld herausgerissensondern dort mit Geschick arrangiert werdensprechen sie ohnehin für sich selbst

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Imposante Museumsgebäudediein Viertel oder eine ganze Stadt dominierendienen nicht dazu, den Menschen hervorzuheben, sondernganz im Gegenteil dazuihn zu unterdrückenMenschlicher ist es, bescheidene Museen zu ersinnendie die umliegenden HäuserStraßen und Läden in ihr Konzept mit einbeziehen. 

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Die Zukunft der Museen liegt in .unseren Wohnungen und Häusern. 

Daraus ergibt sich ein einfaches Bild: 

Wir hatten        Wir brauchen

Epen                       Romane 

Darstellung             Ausdruck 

Denkmäler              Häuser und Wohnungen

Historie                   Geschichten 

Nation                     Menschen 

Gruppen                 Individuen 

Groß und Teuer      Klein und Billig 

Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. 

 

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