Laufbilder

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Die Enfants Terribles haben in ihren gemeinsamen Produktionen seit 2012 einen eigenen Stil entwickelt, eine eigenwillige Verbindung von Kunstdokumentation und Kunstwerk: die "Laufbilder". In ihnen bilden vier Komponenten eine neue Einheit: Die eigenwillig auf Packpapier kopierten Fotos bisheriger Ausstellungen oder Ausstellungsbeteiligungen, die Collage-Eingriffe von Nana Bastrup in diese Fotokopien, die aufgeklebten skurrilen Bleistiftzeichnungen von Matvey Slavin und schließlich die Kopie des Ergebnisses auf große Werbebanner mit Fuß- und evtl. auch Randleiste, auf denen das originale Foto, Matveys Strichproben und Proben von den verschieden-farbigen Papieren, die unter der ersten Fotokopie liegen und durch Nanas Ein- und Ausschnitte freigelegt worden sind. 

Nana schafft so, ähnlich wie John Baldessari durch Farbauftrag auf seine Fotos, hinter der dokumentierten Realität einen neuen Zusammenhang, eine neue Kompostion, die Verbindungen zwischen höchst heterogenen und "unwichtigen" Details herstellt. 

Matveys skurrile Figurenskizzen fügen der Dokumentation eine weitere Ebene hinzu, nämlich die der Erzählung und einer ins Fantastische verschobenen Geschichte, die sich übrigens in der dokumentierten Ausstellung tatsächlich begeben hat. Meist beziehen sich die Titel der Werke darauf; aber wir müssen nicht wissen, wer oder was mit dem Blabla-Mann, mit Professor Nein oder mit dem Perfekten Team gemeint ist. Wir Betrachter sehen, dass erzählt wird, und erfinden dazu eine eigene Geschichte. 

Diese großen Banner enthalten also mehrfach reproduziertes Material verschiedenster Herkunft und sind selbst nur Reproduktionen, limitiert auf fünf Exemplare, wie man es bei Lithographien und anderen Drucken macht. Sie machen also von vornherein Ernst mit der Zeitgenossenschaft im "Zeitalter der Reproduzierbarkeit" und spielen zugleich mit Walter Benjamins Feststellung vom Verlust der "Aura" der Einmaligkeit.

Den Ausdruck Laufbilder haben die beiden Künstler für eine Berliner Ausstellung im Jahre 2013 erfunden. Dort waren die Bilder auf dem Fußboden ausgebreitet und die Besucher aufgefordert, darüber zu laufen. Es waren ja nur Fotografien, also nur Reproduktionen. Inzwischen bezeichnet der Begriff die ganze Reihe der in diesem Stil entstandenen Werke; es sind die Werke, die die Laufbahn der Enfants Terribles zugleich herstellen, widerspiegeln. und fortsetzen.